Der Neuanfang

Umschulung

 

Ich wollt nicht darüber schreiben. Jetzt drängt es mich doch dazu. Wer jetzt erwartet, das ich einen Tagesablauf darüber verfasse irrt sich. Ich weiß noch gar nicht was es wirklich wird. Ich lasse meine Gedanken laufen und werde es einfach niederschreiben.

 

Trennung, Chos, Umzug, noch mal Umzug, kurz vor Hartz 4 und dann kommt ein Schreiben von der Rentenversicherung: Wir wollen uns über ihre berufliche Zukunft unterhalten!“

Ein Hoffnungsschimmer? Schon wieder Veränderungen! Ja, genau das war es, was ich wohl brauchte in der Zeit.

 

Aber fang ich doch ganz von vorne an.

Nach meiner Krebserkrankung vorlor ich meine Arbeit. Dann kam das erste Schreiben von der Rentenversicherung. Sie wollten prüfen, wozu ich noch zu gebrauchen wäre. Nach allem was ich durchgemacht hatte, war das irgendwie traurig.

Also schickte man mich nach Regensburg nach Bayern.

Alleine bis nach Bayern zu kommen war schon ein Akt für sich.

Ehe kaputt, Ehemann ging mit neuer Freundin spazieren, entzog sich jeder Verantwortung und lebte, während ich die Miete zahlte und nicht mal mehr ein paar Cent für die Magarine aufs Brot hatte. Ich erkämpfte mir wenigstens die paar Cent um mit dem Zug nach Bayern zu kommen. Bevor ich loszog, kündigte ich die Wohnung, ließ den Strom umschreiben auf seinen Namen, packte alle meine persönlichen Sachen in den Keller und nahm die Schlüssel mit. Eine Woche bevor ich nach Regenstauf musste, rief mich eine Freundin an, hörte sich mein Elend an und holte mich ab. „ Wenn du eh alle Brücken hinter dir abwirfst, dann kannst du die Woche auch bei mir verbringen“. Sprachs, und kam ein paar Stunden später und packte mich mit meinen paar Habseligkeiten ins Auto. Ich verbrachte eine „fast“ entspannte Zeit mit ihr, ihrem Sohn und ihrem Freund in der Nähe von Kaiserslautern. In dieser Woche sorgte ich dafür, dass ich nicht in Schulden ertrinken musste und ließ mich dann Sonntags zum Zug bringen.

Ich saß im Zug und konnte meine Gedanken gar nicht ordnen. Ich wusste nur, ich muss mich auf das konzentrieren was nun auf mich zukam. Schwierig wenn man noch mit einem Mann verheiratet ist, der lange Zeit auf meine Kosten gelebt hatte und nun versuchte mich „buchhalterisch“ abzuschreiben. Der es wagte zu sagen, ich könnte ja sein Konto leer machen und deshalb seinen Verpflichtungen einfach nicht mehr nachkam.

Nach drei Wochen stand fest, ich bekomme keine Umschulung mehr, ich bin zu alt, und ich hätte ja auch keine Leistungen gebracht. Man riet mir an, mich psychologisch behandeln zu lassen. Ich kochte vor Wut, denn ich hatte keine Wohnung gefunden, ich wollte in Bayern bleiben, doch das hatte nicht geklappt. Nun musste ich zurück. Zurück in die Wohnung die ich doch innerhalb der nächsten drei Monate verlassen musste. Mein Plan war nicht der , dort wieder zurück zu wollen. Einen Tag bevor ich wieder Richtung Wiesbaden fahren sollte, bot mir eine Freundin in Nidda eine Wohnung an.

Also zog ich nach Nidda. Ich hatte nichts, kein Bett, keine Möbel, rein gar nichts. Diese Freundin besorgte mir alte Möbel. Mir war es egal das sie alt waren, Hauptsache ich hatte erst einmal ein Bett und eine Wohnung über den Kopf. Ich bin ihr noch heute dankbar, dass sie mir dies ermöglicht hatte.

Da saß ich nun in Nidda, eine kleine Kellerwohnung in der ich mich sehr schnell heimisch fühlte. Ja ich fühlte mich dort wohl. Bekam wie immer schnellen Anschluss bei den Nachbarn und war trotz wenig Geld, sehr wenig Geld zufrieden. Das einzige was ich mir leistete war ein Internetanschluss. Der mich dann leider dazu brachte, hinter meinem Noch Ehemann her zu jagen und ihn zu demütigen. Was mich dann wieder krank machte. Mich verfolgten die Bilder der letzten Monate und immer wieder die Frage, warum habe ich mich nicht früher von ihm befreit?

In diesem Chaos erreichte mich abermals ein Brief von der Rentenversicherung. Man will mit mir über meine berufliche Zukunft reden. Ein Hoffnungsschimmer, endlich wieder andere Gedanken als nur der Hass, die Wut, die Demütigung und den Wunsch, diesen Mann zu zerstören. Und die Hoffnung, doch nicht in Harz 4 zu fallen?

Dann hatte meine Bekannte, ich nenne sie mal Beate, eine Wohnung in ihrem Haus frei. Noch schöner, ein riesiger Garten, den ich mit benutzen durfte, eine offene Wohnküche. Es war ein Traum von Wohnung und ich begeistert. Also packten wir meine paar Habseligkeiten und ich zog wieder um. Ich richtete mich ein, aber: ich fühlte mich nicht so wohl wie in der kleinen Kellerwohnung. Ich schob es darauf, dass ich ja nun gerade erst wieder umgezogen war. Und das Wissen, das ich diese Wohnung in Zukunft eh nur am Wochenende, und das alle 14 Tage sehen würde. Inzwischen war klar, dass ich eine Umschulung zur Qualitätsfachfrau in Birkenfeld machen würde. Ich hatte dann doch Leistungen gebracht und das ganz gute. Und ich war wohl doch noch nicht zu alt. Mir war es egal, Hauptsache ich bekam wieder einen geregelten Alltag der mich auf „Normal“ einstellen würde. Es würde mich „Normal“ machen, mehr als ich mir das gewünscht hatte. Wenn man bei „Normal“ davon ausgeht, endlich die Vergangenheit beginnt hinter sich zu lassen.

Wieder packte ich Koffer, verabschiedete mich von meinen Bekannten und fuhr Richtung Birkenfeld. 3 Monate Vorkurs sollten entscheiden, ob ich diese Umschulung machen dürfte oder nicht. 

 

Ankunft und die ersten „schrecklichen“ Tage

Was wird wohl diesmal auf mich einstürmen? Ich saß im Zug und genoss die Aussichten. Doch je näher ich nach Birkenfeld kam um so beklemmter wurde mir. Es war Frühjahr, mehr Winter als Frühjahr. Es war kalt, regnerisch und ungemütlich. Die Fahrt an der Nahe entlang brachte Landschaftsbilder, die mich an Alfred Hitschkok Filme errinnerte. Nebelig, tote Bäume, dass war es was ich sah. Vielleicht war es einfach nur meine Stimmung, die mich dazu brachten diese Region so zu sehen, denn Birkenfeld hat durchaus schöne Seiten. Aber ich sah sie nicht.

In einer kleinen Ortschaft stieg ich in einen Bus, der mich ins Internat bringen würde. Dachte ich! In Birkenfeld angekommen stieg ich aus dem Bus. Ich stand an einem großen Parkplatz, keine Ahnung wo das Internat sein würde. Es nieselte und mir war kalt. Gott sei Dank stand noch jemand mit Koffer in meiner Nähe und wir fanden heraus, dass wir beide das gleiche Ziel hatten. Sie hatte ein Schreiben in der Tasche, so das wir im Internat anrufen konnten und wir mit einem kleinen Bus abgeholt wurden. Meine Stimmung war auf Null.

Die Leute an der Internatspforte waren sehr nett, so das ich mich wenigstens willkommen fühlte. Das kleine Zimmer war nett und groß genug um sich ein wenig einzurichten. Heißt, es wohnlich zu machen. Da mein Kreuz inzwischen wieder Schmerzen bereitete, legte ich mich erst mal aufs Bett und schlief ein. Als ich wach wurde, war mein Gesicht tränennaß. Ich wusste nicht warum und was ich geträumt hatte. Es dauerte eine Weile eh ich mich beruhigt hatte um mich dann darauf zu konzentrieren meine Koffer auszupacken. Ich setzte mich anschließend an den großen Schreibtisch und sah zum Fenster hinaus.

Rechts die Mensa, vor mir das Gebäude, indem ich bald zum Unterricht gehen sollte. Ich war immer noch wie betäubt. Es kam nicht wirklich bei mir an, was da mit mir geschah. Fühlte mich fremd gesteuert und doch dankbar, das es so war. In den letzten Wochen hatte mein Überlebenskampf mir sämtliche Kräfte geraubt. Ja ich hatte sogar mal wieder so was wie Selbstmordgedanken, die ich nicht zulassen konnte und auch nicht wollte.

Ich, mich umbringen! Also bitte. Das ist kein Mann dieser Welt wert. Und doch waren diese Gedanken da. Und für ihn schon gar nicht! Wenn , dann einfach nur weil ich des Lebens müde wurde. All die Kämpfe und die zweite Ehe, die wegen „abartiger Sexualität“ des Mannes gescheitert war.

Um meine aufkeimende Wut gegen meinen Noch-Ehemann und alle Männer dieser Welt einzudämmen, ging ich hinunter in das Bistro, welches sich im Internat befand. Ich hatte es am Mittag bei der Anmeldung entdeckt. Dort saß ich nun, schaute mich um und fühlte mich gar nicht wohl. Ich trank meine Cola ging wieder aufs Zimmer und versuchte zu schlafen. Dabei blieb es denn auch. Die Aufregung für den nächsten Tag und die Hoffnung ein paar Frauen in meiner Klasse kennen zu lernen hielten mich wach.

 

Nach dem Frühstück in der Mensa ging es dann zur Begrüßung der Teilnehmer mehrerer Kurse. Die Tische waren unterteilt in die verschiedenen Fachrichtungen. Ich setzte mich weit vorne an den Tisch für die Qualitätsfachleute und schaute mir die Leute an, die langsam hereinspaziert kamen. „Ah, da ist ja eine junge Frau“. Pustekuchen, sie setzte dich an den Tisch für Podologen. Und so ging es immer weiter. Jedes mal wenn ich eine Frau sah, die mir sympatisch war, gingen sie an meinem Tisch, an dem inzwischen ca. 6 Männer saßen, vorbei.

„Oh Gott“. Das kann doch nicht wahr sein. Wenigstens ein zwei Frauen noch, lieber Gott. Das kannst du mir doch nicht antun. Nur Männer in dem Kurs?“ sind meine Gedanken.

Es kam keine weitere Frau in meinen Kurs. Ich verzweifelte fast. Wie sollte das denn gut gehen, ich und mein Haß auf diese Männer dieser Welt und dann ganz alleine in einer Gruppe von Männern, die ich noch nicht kannte. Nicht einschätzen konnte, wie sie sein werden.

 

„Kind, wenn du mal vor Leuten Angst hast, denn stell sie dir einfach nackig auf dem Klo vor, du wirst sehen, dann sind es alles nur Leute wie du und ich!“ sind Worte, die mein Vater mir einmal gesagt hatte. Die gingen mir jetzt durch den Kopf. Ich hatte keine Angst, aber verzweifelt. Und ich wusste, mit meiner momentanen Empfindlichkeit konnte das nicht gut gehen. Also sah ich mir die Männer an meinem Tisch an. Ich stellte sie mir alle einzeln auf dem Klo vor. Und ich musste grinsen. Wenn die gewusst hätten, was mir so durch den Kopf ging. Sie lächelten zurück. Sie wussten ja nicht warum ich so freundlich aussah.

Im Nachhinein ist mir das peinlich. Wenn man die Kollegen dann kennt, ist es irgendwie peinlich. Aber da ich nach 2 Tagen nicht mehr wusste, wie es in meinen Gedanken aussah, wollte ich mir auch gar nicht wieder vorstellen, ging es dann wieder erwarten richtig gut los.

 

Die Jungs waren nett, hilfsbereit und wir lachten viel. Meine Noten im Vorkurs waren vorzeigbar. Ich hatte mir angewöhnt, neue Themen direkt am Pc nach der Schule zu bearbeiten und mich abzufragen. So hatte ich immer was zum Lernen. Und ich verbrachte die erste Zeit die meiste freie Zeit auf meinem Zimmer. Ein Anflug von „etwas unternehmen“ endete damit, das ich in der Wallachei irgendwo im Grünen gelandet bin, die Gegend mir gar nicht zusagte und ich froh war, nach drei Stunden einen Weg zurück gefunden zu haben.

Die Ausflüge in die nähere Umgebung zu Fuß unterließ ich ziemlich schnell wieder.

Praktisch war das Schwimmbad, das im Haus durch einen Kellergang erreichbar war. Das nutzte ich täglich, fast täglich. Auch eine Muckibude war vorhanden. Dort verbrachte ich die erste Zeit viel auf dem Laufband. Leider brach ich mir viel später den großen Zeh und konnte dort nicht mehr laufen. Aber dazu später.

 

Nachdem wir wieder entlassen waren, war ich froh auf mein Zimmer zu können. Nur „Männer“ in meinem Kurs. Was sollte das bloß werden? Ich merkte ja jetzt schon, wie all meine Wut auf meinen Noch-Ehemann sich auf diese Männer übertrug, die doch nun wirklich nichts mit meinem Leben davor zu tun hatten. Wie sollte ich damit bloß umgehen. Es ging besser als ich dachte. Naja, hin und wieder konnte ich meine Vergangenheit vergessen und konnte normal sein. Was immer man unter normal versteht.

1 Kommentar 8.9.10 15:27, kommentieren

Teil 2

Ich weiß gerade nicht weiter. Wie soll ich den Vorkurs beschreiben. Es war lustig, aber auch hoch interessant zu sehen, wie es auch unter Männern, und ich sage bewusst MÄNNER , Zicken geben kann. Männer, die sich als besonders Männlich bezeichnen sind Zicken. War auch ne neue Erfahrung für mich. Und dann gab’s da noch die Platzhirsche. Da sich mit der Zeit einige verabschiedeten, blieben die Kämpfe um die ersten Plätze gott sei dank aus.

 

Was mich nervte, war immer wieder der Hinweis darauf, dass ich ja die Frau in der Klasse bin. „Guten Morgen meine Herren! Und die Dame natürlich auch!“ Man, und das die ganzen zwei Jahre in einer Tour. Es weiß doch jeder dass ich weiblich bin. Das hätten sie sich sparen können in der Schule. Vor allem hasste ich es, wenn sie dann aber vergessen hatten, dass ich als Frau unter ihnen hocke, wenn sie Frauenfeindlich wurden. Am Anfang hab ich dagegen angekämpft. Später bin ich einfach aufgestanden und bin mir eine rauchen gegangen, wenn sie mal wieder die dollen fünf Minuten hatten. Ich war dann nur wütend und aufgeregt. Und ich wusste, wenn ich weiter dagegen ankämpfen muss, werde ich ausfallend. Also ließ ich es sein. Komischerweise passierte das aber erst während der richtigen Umschulung. Im Vorkurs kam das gar nicht vor. Fällt mir gerade so auf. Hmmm-

Aber sonst waren die drei Monate Vorkurs erfolgreich für mich. Gute Noten, kam gut mit den Herren zu Rande. Nur die hin und her Fahrerei nach Bobenhausen und zurück ging mir tierisch auf die Nerven. 185 km und ich verbrachte fast 8 Stunden damit bis ich am Zielort war. Es lohnte sich im Endeffekt nicht, nach Hause zu fahren.

Hinzu kam, dass ich mich in Bobenhausen nicht wirklich zuhause gefühlt habe. Ich führte es darauf zurück, dass ich erst kurz vorher umgezogen war und keine Zeit hatte, mich an die Wohnung zu gewöhnen. Aber letzt endlich war es die Einsamkeit und die Abhängigkeit von anderen, die mich dort verkümmern lies. Um telefonieren zu können, musste ich auf einen Berg steigen, sonst hätte ich den Kontakt zu meinen Kindern verloren. Ärger mit der Telekom sorgte dafür, dass ich keinen Festnetzanschluss hatte und mich verrückt werden lies.

Ich war froh, wenn das Wochenende zu Ende war und ich wieder nach Birkenfeld konnte!

Birkenfeld wurde mein Zuhause. Ja, Birkenfeld wurde für mich zum Familienersatz. Ich freute mich auf meine „Jungs“.  Ein paar von denen wurde zu wirklich guten Freunden für mich.

In Bobenhausen quälte mich ein Bekannter damit, dass er nen tollen MANN für mich hätte. Er wollte einfach nicht kapieren, dass ich kein Interesse an einer neuen Beziehung hatte. Ich war froh dass ich von dem Psychopaten weg war. Geschieden war ich auch noch nicht und hatte noch genug an den Verletzungen die man mir zugefügt hatte zu kauen. Ich wollte nun wirklich nicht auf Teufel komm raus ne neue Bettgeschichte oder gar eine feste Beziehung. NEIN DANKE. Jener Bekannte war dann auch stinke sauer, als er hörte ich hätte wieder einen Freund. Aber dazu später.

Diese Wochenenden machten mich fertig. In mir wuchs der Gedanke, mir eine Wohnung in Birkenfeld zu suchen. Anderseits wollte ich meine Bekannten, dir mir bei der Trennung von meinem damaligen Mann so geholfen hatten, nicht enttäuschen. Also dachte ich mir, ich lass die zwei Jahre so weiter laufen und such mir später etwas anderes. Denn zwei Wohnungen konnte ich nicht finanzieren. Nur würde ich mir etwas einfallen lassen müssen, wo die WE verbringen würde. Das löste sich recht bald von selbst auf. J

8.9.10 15:23, kommentieren